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AIRBAG Auslösung während Rettungsarbeiten- Einsatzmanagement und Schutzmechanismen greifen - Müllheim/Baden Württemberg
Bei Schulungen und in Lehrbüchern wird immer wieder die Problematik von nicht ausgelösten Airbags beschrieben. Die Hinweise, welche den Helfern als dienlich gelten, sind die Abstandsgebote (30-60-90 Regel) sowie sonstige Schutzmaßnahmen (z.B. Airbagrückhaltesysteme o.Ä.) um die mechanischen und thermischen Energien bei einer nachträglichen Airbagauslösung aufzufangen. Gerade das Tragen vollständiger Schutzkleidung im Bereich des Rettungsdienstes (Helm inkl. Visier oder Schutzbrille, Handschuhe sowie Einsatzjacke) sind ein oft vernachlässigtes Thema. Die Schutzmaßnahmen und gemeinsamen Ausbildungsgänge des Personals von Feuerwehr und Rettungsdienst im Markgräflerland zeigten sich am 18.05.07 als effektiv.
Einsatzzenario:
Gegen 17 Uhr kam es im Bereich einer Bahnunterführung zu einem schweren VU zwischen zwei PKW (Mercedes S-Klasse contra Suzuki Micro Van). Aus noch ungeklärter Ursache kam es zwischen den beiden Fahrzeugen zu einem versetzten Frontalzusammenstoß. Der durch die massive Energieeinwirkung schwerst deformierte Suzuki kippte im weiteren Unfallhergang auf die Fahrerseite. Beim Eintreffen der Feuerwehr Müllheim war der leichtverletzte Fahrer des Mercedes bereits ausgestiegen und hielt sich im hinteren, der Einsatzstelle abgewandten Bereich, seines Fahrzeuges auf. Er wurde von Feuerwehr und Ersthelfern versorgt. Der Beifahrer des Micro Van, schwer verletzt – stumpfes Thoraxtrauma, Oberschenkelfraktur, V.a. Beckenfraktur – aber nicht eingeklemmt, wurde im Rahmen einer zügigen Rettung durch die erste RTW Besatzung aus dem Fahrzeug gerettet und zur weiteren Versorgung in den RTW verbracht. Erst durch diese Maßnahme konnte man an den schwerst eingeklemmten Fahrer vordringen.
Der 32-jährige Fahrer lag mit seinem Rücken auf der fahrerseitigen B-Säule des auf der Seite liegenden Fahrzeugs, während seine schwer eingeklemmten Beine im Fußraum nicht mehr zu sehen waren. Die gemeinsame Einsatzleitung von FW und RTD entschied sich aufgrund der Schwere der Verletzungen – Kombiniertes offenes Thorax- und Abdomentrauma, V.a. Beckenfraktur, sowie gesicherte Oberschenkelfraktur, untere Extremitäten zu dieser Zeit nicht zu beurteilen – bei diesem Patienten ebenfalls eine Crash Rettung durch zu führen. Die massiven Einklemmungen im Fußbereich und Fahrzeugdeformationen machten es notwendig die maximale Patientenversorgung nach Trauma-Standard bereits im Fahrzeug zu beginnen. Als erste feuerwehrtechnische Maßnahme wurde die Entfernung der B-Säule einschließlich der Hintertür - Beifahrerseite beschlossen. Ein erster Airbag Check ergab zu diesem Zeitpunkt das sowohl Fahrer- als auch Beifahrerairbag ausgelöst hatten. Beide Seitenairbags, die sich bei diesem Fahrzeugtyp in den Rückenlehnen der Sitze befinden, hatten nicht ausgelöst.
Erschwerend kam hinzu, dass das Unfallfahrzeug mit der komplett deformierten Frontpartie in welcher sich die Batterie befand, einen Zugang zur Batterie nicht möglich machte. Somit stand das Fahrzeug weiterhin unter Strom was sich trotz abgezogenem Zündschlüssel – durchgeführt durch einen Ersthelfer und an den Einsatzleiter übergeben – an der noch brennenden Fahrzeugbeleuchtung bemerkbar machte. Der Beginn des Schneidvorganges und die medizinische Versorgung verliefen im Parallelverfahren. Helfer und Patient wurden durch eine Splitterschutzfolie geschützt. Problematisch war, dass sich der Kopf des Patienten in der Nähe verschiedener Schneidansätze befand. Erschwerend für die Rettungskräfte war, dass sämtliche Tätigkeiten über den Patienten durchgeführt werden mussten. Der Dachseitige Schnitt an der B-Säule konnte in einem Zug erfolgen. Beim Schneiden der B-Säule im Bereich des Fahrzeugschwellers musste zuerst mit einem V – Schnitt, dass in diesem Bereich wesentlich breitere Material geschwächt werden. In dieser Schnittstelle kamen nach dem ersten Schnitt mehrere durchtrennte Kabel zum Vorschein.
Beim Zusammenfahren der Schere während des zweiten Schnittes kam es dann zur Auslösung des Seitenairbags auf der Beifahrerseite. Durch die Kommunikationsvorgänge waren die Helfer auf ein Schneidgeräusch eingestellt. Die Airbagauslösung war für die direkt beteiligten Helfer (5m Zone) als nicht besonders laut aufgenommen worden. Einsatzkräfte im Bereitstellungsraum (10m Zone) sowie absperrende Kräfte schreckten durch den über die Tunnelumgebung reflektierten Knall auf. Der Patient war zu diesem Zeitpunkt mit Sedativa und Analgetika versorgt, weshalb man keine Rückschlüsse darauf ziehen konnte, in wie weit er das Ereignis aufgenommen hatte. Alle messbaren Parameter blieben unverändert.
Der dritte und letzte Schnitt konnte ohne weitere Zwischenfälle erfolgen. Durch die getroffenen Schutzmaßnahmen (Spezialfolie und Gesichtschutz) und Abstandsregeln konnte die Einatmung von Explosionsgasen bzw. austretendem Talkum vermieden werden. Nach Rücksprache zwischen medizinischer und technischer Leitung wurden die Rettungsarbeiten fortgesetzt. Der Patient konnte nach mühsamer Bearbeitung/Entfernung von Armaturenbrett, Lenkkrad, Schalthebel sowie Fußraumverkleidung schließlich aus dem Fahrzeug befreit werden. Der Rettungsvorgang hatte trotz Einsatzmanagement „Crash Rettung“ eine Dauer von 60 Minuten. Wie man im späteren Verlauf erfuhr, verstarb der Patient in der folgenden Nacht an seinen massiven inneren Verletzungen.
Fest zu halten bleibt, dass ein strukturiertes Vorgehen von Feuerwehr und Rettungsdienst für den Einsatzverlauf Grundlage ist. Trotz aller Maßnahmen sollte man sich immer bewusst sein, dass ein 100 % Schutz vor Gefahren für Helfern und Patienten nicht immer möglich ist.
Autoren: Holger Höfflin
stellv. Ges. Kmdt. FF Müllheim
Diensthabender Einsatzleiter vor Ort Kai Ullwer
Rettungsassistent DRK Müllheim
Ausbildungsteam Unfallrettung Markgräflerland
Co Autor: Dr. med. Frank Dischler
Facharzt für Innere Medizin
Notfallmedizin Notarzt Gruppe Müllheim e.V.
Abt. für Innere Medizin Helios Klinik Müllheim
Bilder unter: www.feuerwehr-muellheim.de
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